Nach IVW-Absturz: Berliner Tageszeitungen stellen ihre Arbeit ein

Berlin. Nach der aktuellen IVW-Meldung, die den Berliner Tageszeitungen mit fast 7 Prozent bzw. über 42.000 Exemplaren minus zum Vorjahresquartal auch weiterhin kräftig sinkende Auflagenzahlen bescheinigt, haben sich die Berliner Zeitungstitel zu einem Schritt entschlossen, der einem publizistischen Erdbeben gleichkommt:

Sie stellen gemeinsam die Ausübung der Berichterstattung in der Funktion als Vierte Gewalt ab sofort und bis auf Weiteres ein.


Die Redaktionen beschränken sich künftig auf ein Abdrucken von Presse- und Agenturmeldungen, ohne Nachrecherche, ohne Aufgreifen von weiterführenden Themen und ohne Einordnung bestimmter Geschehnisse in Kommentaren und Meinungen.

In der heute von den vier Verlagshäusern der sechs Berliner Tageszeitungen gemeinsam veröffentlichten Erklärung erläuterten sie, dass es leider notwendig geworden sei, der Bevölkerung, der Politik und der Wirtschaft mit diesem ungewöhnlichen und einschneidenden Schritt, die Notwendigkeit einer unabhängig agierenden Presse deutlich zu machen, deren Leistungsmöglichkeit direkt mit der verkauften Auflage zusammmenhängt.
Der Bevölkerung sei nicht mehr in ausreichendem Maße klar, dass eine unabhängige und ohne Kostendruck originäre erstellte Zeitungsberichterstattung notwendig ist, durch eben diese Berichterstattung und dadurch ausgelöste öffentliche Diskussion, das politische Geschehen im Sinne eines gemeinschaftlichen gesellschaftspolitischen und demokratischen Lebens positiv zu beeinflussen.

Um den Lesern den Verlust deutlich zu machen, wird es in jedem Titel täglich einen Infokasten geben, welche tagesaktuellen Themen die Redaktion gerne besonders aufgegriffen hätte, ohne jedoch näher auf die Gründe oder Inhalte dessen einzugehen.

 

Aufruf an die Politik
Da sich die Politik auf Bundesebene nicht für den Erhalt der Pressevielfalt aktiv einsetzt und damit die auflagenbedingte Konzentration von Zeitungshäusern und Meinung bewusst in Kauf nimmt, sehen sich die Berliner Verlagshäuser mit diesem Schritt gezwungen, ein Zeichen zu setzen. Für die Prüfung von Kooperationen wirtschaftlicher Art im Bereich Vermarktung oder Vertrieb zur Finanzierung des Journalismus würden von Seiten des Kartellamts völlig unzeitgemäße Märkte definiert. Die Entscheidungen fielen daher stets negativ aus oder wären nur unter unrealistischen Auflagen möglich, so die Verlage.

Bei ihrer jetzigen Aktion beziehen sich die Verlage daher auf ihr Recht der freien Meinungsäußerung, kartellrechtliche Eingriffe seien daher nicht zu befürchten.

In erodierenden Lesermärkten sei die Aufrechterhaltung journalistischer Qualität nicht mehr gewährleistet. Dies führe zu einem weiteren Absenken der Qualität, was wiederum zu weiter sinkenden Auflagen führe. Da die Auflagenhöhe aber auch die zweite Säule der Finanzierung, den Anzeigenmarkt, mitbestimmt, sei ein Ausgleich inzwischen nicht mehr möglich.
Es sei daher notwendig geworden den Berlinern zu zeigen, welche Funktion eine funktionierende Presse durch ihre journalistische Arbeit für die Stadt, die Politik auf Landes- und Bezirksebene und somit für die Berliner ausübt, indem man die Stadt bis auf Weiteres ihren Protagonisten überlässt.

 

Journalistisches Angebot der Zeitungen ist alternativlos
Dass sich die Berliner dann künftig über andere Medien informieren würden halten die Verlage für unrealistisch. Kaum ein Medienanbieter würde über eine Vollredaktion verfügen, die mit der einer Zeitung vergleichbar wäre. Die Informationsvielfalt und -menge des Stadt-, Land- und Weltgeschehens ist nicht innerhalb der redaktionellen Fenster von Funk und TV oder der Erscheiungsweise von Anzeigenblättern bzw. Bezirksmagazinen abbildbar.
All diese Medien würden auch weder über die Qualität der Redakeure als auch über entsprechende Kontakte in die politischen Gremien, zur Wirtschaft oder zu Interessengruppen verfügen, um die Leistung und Bedeutung von Zeitungsjournalismus für die Stadt auch nur annähernd zu erreichen. Auch würde sich kein Medium diesen kostenintensiven Personalstammm kurzfristig aufbauen können oder wollen.
Auch das Internetangebot und die sozialen Medien mit ihrem unbegrenzten Inventar können nicht annähernd den Recherche- und Meinungsverlust kompensieren, da sie nur wiedergeben aber nicht selber erstellen.

 

Abo-Prämien im Grenzbereich
Zudem herrsche in der Hauptstadt mittlerweile nur noch ein Verdrängungswettbewerb um die besten und wertigsten Aboprämien vor, die teilweise absurde Ausmaße angenommen hätten. Da deren Refinanzierung teilweise einer Abodauer von vier Jahren bedarf, die Neuabonnenten aber nach der Pflichtzeit von ein oder zwei Jahren wieder abbestellen, würde hier nur Geld verbrannt werden. Eine einheitliche Regelung unter den Verlagen ist aber aus kartellrechtlichen Gründen nicht möglich.

 

Die möglichen Kosten durch Einnahmeausfälle für diese ungewöhnliche und radikale Maßnahme seien gedeckt, hieß es aus Verlagskreisen. Allein durch das Aussetzen des Abo-Marketings und der Prämienfinanzierung sowie durch die nicht mehr notwendigen hohen Kosten für die Recherche der Artikel sei ein großes finanzielles Polster entstanden, die Aktion lange und damit spürbar durchzuhalten. Man sei aber überzeugt, dass diese Maßnahme ihre Wirkung nicht verfehlt und letztlich positiv zur gesellschaftlichen und bildungspolitischen Entwicklung in Deutschland beiträgt.

Auch hätten Leserbefragungen im Vorfeld ergeben, dass die Zeitungen Rückhalt für diese radikale Maßnahme bei ihren Lesern haben. Die Leser hätten hohe Erwartungen an die journalistische Qualität und Vielfalt ihrer Zeitung und sehen in der vorübergehenden Aussetzung gewohnter Inhalte einen deutlichen Weckruf und Aufruf an die Bevölkerung, Zeitungen und Zeitungsjournalismus wieder deren Bedeutung ins Bewusstsein zurückzuführen.

 

Offener Brief an die Leser
In einem offenen Brief, der von allen Verlagen und Chefredaktueren unterzeichnet wurde und morgen in den Berliner Zeitungen ganzseitig abgedruckt wird, erläutern sie den Lesern ausführlich die Notwendigkeit dieser Maßnahme und die positiven Folgen der Ausübung der Funktion der Vierten Gewalt durch unabhängigen Journalismus.
Darin heißt es u.a., natürlich sei es auch vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Herbst diesen Jahres journalistisch schmerzlich, den Wahlkampf und die Positionen der Parteien und Kandidaten nicht zu durchleuchten, doch die Berliner könnten dies durch ihre Abstimmung am Kiosk selber steuern. Hierfür sei ein entsprechendes Angebot in Vorbereitung.
Erst ab einer bestimmten Auflagenhöhe durch neue Abonnements, würde wieder zur gewohnten Berichterstattung zurückgekehrt. Die Leser der Zeitungen und die Nichtleser sind also gehalten, die Notwendigkeit einer Zeitung für unsere Gesellschaft auch selber kund zu tun und für neue Abonnenten zu sorgen.

 

Satire? Ja, aber wann wird ja mal träumen dürfen, dass sich die Verlagshäuser endlich mal eine Lösung überlegen.
(JM)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
Zeitungsgedanken by JM