Blendle - Vielversprechender Start ins Micropayment

Vorgestern flatterte die Einladung als Beta-Tester für Blendle, der mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Micropayment-Plattform für Presseprodukte, ins Mailkonto.

Gründer Marten Blankesteijn stellte darin die Unbundling-Plattform Blendle als "supersympathiek" vor und freut sich auf viele Anregungen und Anmerkungen zum Produkt.

Doch da wird er nicht so viel zu hören bekommen, soweit mein erster Eindruck.

Allerdings haben die Verlage ihre PaidContent-Hausaufgaben nur unzureichend gemacht. Das ist ärgerlich. Doch dazu am Ende mehr.

 

 

Die Anwendung und Usability

Die Einrichtung von Blendle lief entspannt, übersichtlich und leicht verständlich. Und vor allem schnell, was am tollen Frontend und der App-artigen Userführung liegt. Und zum Start gab‘s EUR 2,50 aufs Konto.

Nach Vorauswahl meiner Lieblingsrubriken bekomme ich je Rubrik namentlich kuratierte Empfehlungen zu Artikeln mit Branding des Quell-Titels und einem recht ausführlichen Snippet zum Reinlesen. Daneben steht der Preis für den Artikel der bei Zeitungsartikeln zwischen 15ct und bis zu 99ct liegt.

Klicken, Preis bestätigen, lesen. Klasse.

Die Artikel sind in einem vermutlich Blendle-eigenen Template gut lesbar dargestellt, nur das Branding der jeweiligen Printmarke könnte hier für meinen Geschmack etwas größer sein.

Grundsätzlich erfolgt das Aufladen des Kontos über Kreditkarte bis Paypal, also auch recht easy. Und die Preisfunktionalität ist, wie angekündigt, sehr fair. Neben der Rückgabemöglichkeit (und Rückvergütung) nach dem Lesen gibt es auch eine Verrechnung von bereits bezahlten Einzelartikeln bei Kauf der entsprechenden Gesamtausgabe.

Man kann aber auch aus vollständigen Zeitungen und Zeitschriften, die im Blätterkatalog angezeigt werden, einzelne Artikel auswählen, die dann wiederum mit Snippet und Preis zum Lesekauf hervorgehoben werden.

Neben kleinen Details, die noch fehlen, wie bspw. eine Datumsangabe oder Textlänge zum Snippet, hat Blendle eine tolle Arbeit hingelegt. Respekt!

Beim Beta-Start mit dabei sind von den Zeitungen u.a. FAZ und FAS, die SZ, die Rheinische Post, die Holtzbrinck-Titel ZEIT, Tagesspiegel und Handelsblatt, die Zeitungsgruppe Thüringen und natürlich die Springer Titel Bild, BamS, BZ und Welt.

Hier muss also noch ordentlich nachakquiriert werden, damit beim offiziellen Start von Blendle die User nicht enttäuscht werden.


 

Die Preispolitik der Verlage

Interessant aber auch ärgerlich ist die gewählte Preispolitik der Verlage für die Artikel, denn Blendle schreibt den Verlagen hier innerhalb eines gewissen Preisbereiches nichts vor.

 

Aktuell kostet jeder Artikel der FAZ/FAS 45 Cent, bei der SZ sind es 79 Cent (!) und beim Tagesspiegel 49 Cent.

Springer hingegen variiert den Einzelpreis je nach Länge des Artikels und titelunabhängig ab 15 Cent nach oben. Und selbst die ZEIT bietet ihr Lesegold schon ab 29 Cent an.

 

Auch wenn eine Verrechnung der gekauften Einzelartikel mit der Tagesausgabe möglich ist – bei Blendle handelt es sich um ein Micropayment-Modell, das den schnellen und günstigen Konsum von einzelnen journalistischen Inhalten möglich macht. Daher müssen sich die Verlage von der Paywall/Freemium/Metered-Denke mit der Conversion von Tages-/Wochen- und Monatspässen schnellstens verabschieden.   

 

Denn bei Blendle den Einzelpreis zu hoch anzusetzen oder preislich nicht zwischen kurzen oder langen Artikeln oder Ressorts zu differenzieren, wird die User relativ schnell den Spaß daran verlieren lassen – und sie suchen sich weiterhin kostenlose Inhalte.

 

Das Micropayment-System lebt von den „lousy pennies“, doch es ist die Summe, die am Ende entscheidet. Und je seltener man sein Blendle-Konto aufladen muss, desto mehr verbreiten die User ihre berechtigte Freude am Angebot, was wiederum mehr User zu Blendle bringt…

 

Liebe Verlage, versaut es nicht auch hier. Gestaltet die Preise transparent nach Länge und Aufwand und zieht sie nicht zu hoch. Denn der Wert eines einzelnen Artikels muss bei den Usern erst gelernt werden.


Ausblick

Wenn alle Beteiligten ihr Geschäft richtig machen, wage ich schon heute zu prognostizieren, dass der Umsatz der Verlage durch das Unbundling von Einzelartikeln durch die Blendle-Plattform schon bald höher ist, als mit Tages- und Wochenpässen. Und die Zahlungsbereitschaft für PaidContent wird ebenfalls steigen.


Schade nur, dass die Verlage das Thema Micropayment für Einzelartikel nicht schon früher für sich erkannt haben. So gehen nicht nur wesentliche User- und Userjourney-Daten verloren, sondern auch 30% vom Umsatz an Blendle.


Dennoch: Glückwunsch und Danke für's Blendle-Team nach Utrecht!

 

(JM)

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