Das Grundproblem der Bezahlschranken

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Foto: Siegi Lindenmayr; Titel: Ziegelmauer; CC BY-ND 2.0

Ob Metered, Freemium oder harte Bezahlschranke - es gibt verschiedene Zugangsmöglichkeiten für Paid Content. Und die Zeitungsverlage bieten sie auch in unterschiedlichen Variationen an. Der allgemein übliche Begriff 'Paywall' (oder zu deutsch 'Bezahlmauer' bzw. abgeschwächt 'Bezahlschranke') wird aufgrund der negativen Konnotation der Einzelwörter nur in Fachkreisen verwendet. Um einen gefühlt leichteren und offeneren Zugang zu den redaktionellen Inhalten zu verargumentieren, hat  sich mittlerweile in Verlagen, bei Medienfachleuten und der Fachpresse hierzulande der Begriff 'Bezahlschranke' festgesetzt - vornehmlich bei den überwiegend ausgespielten Freemium- und Metered-Modellen.

Weder 'Paywall', 'Bezahlmauer' oder 'Bezahlschranke' sind indes geeignet, um Leser bzw. zahlende Kunden für das Angebot, gegen ein Entgelt hinter die 'Mauer' zu schauen, zu gewinnen. Hier lassen sich die Verlage verschiedene, teils kreative Begrifflichkeiten einfallen, die Ausgabebereitschaft zu erleichtern.

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Foto: fleno.de; CC BY-SA 2.0

Warum Verlage selber gegen die Mauer rennen
Das Problem, warum die Umsatzerfolge der Paid-Content-Modelle bislang ausbleiben, liegt m.E. in der Fehlinterpretation des Begriffs 'Bezahlschranke' und der Fehlverwendung des Begriffs 'Bezahlmauer' auf Seiten der Verlage und zwar schon bereits bei der grundsätzlichen Entwicklung der Funktionalität des gewünschten Bezahlmodells. Bei einer Schranke sieht man, was dahinter ist (Gleise, Einfahrt, Parkhaus etc.), so dass man weiß, wofür man den Eintritt durch Warten oder Ticket-ziehen erlangt.

Der Ärger mit heutigen Mauern und Schranken
Alle verschiedenen Paywall-Angebote hingegen geben darüber so gut wie nichts preis. Außer der Headline, einem Bild und ggfs. einem Snippet. Die 'Bezahlschranke' ist bislang immer nur eine 'Bezahlmauer'. So verbrauche ich meine Metered-Freiklicks im ungünstigsten Fall mit 10 dpa-Meldungen, die ich schon woanders gelesen habe (->Ärger) oder im Freemium-Modell mit einer zum fünften Mal aufgewärmten Bild- oder Top-10-Strecke (->Ärger). Einzig die harte Mauer bietet stets eine volle Überraschung (!), dafür gleich im teuren Abo (->Ärger)...

Die Freude mit Mauern und Schranken
Warum nehmen die Verlage den Begriff 'Bezahlschranke' nicht beim Wort und lassen die Leser vor dem 'Eintritt' sehen, was sie bekommen werden? Oder brechen auch in die 'Bezahlmauer' ein genügend großes Guckloch, das Lust macht, die Mauer mit Geld niederzureißen?


Warum also nicht jeden Artikel anreißen und mit einem Mouse-Over versehen, der sämtliche Metadaten (sind ja verlagseitig vorhanden) zum Artikel darstellt: Wer schreibt (Autorenbox, Agentur), in welcher Form (Bericht, Nachricht, Essay...), wieviel (Textlänge), mit was (wieviele Bilder, Video etc.), wie häufig gelesen, geliked, gelinkt. Und dann den Artikel idealerweise per One-Click-Buy für wenige Cent, also die sprichwörtlichen lousy pennies, zum Kauf anbieten.

Mouse-Over-Besipiel für Paid-Content-Angebote mit redaktionellen Meta-Daten und Micro-Payment. Fotomontage: Jens Mertens, Hintergrund: Berliner Morgenpost
Mouse-Over-Besipiel für Paid-Content-Angebote mit redaktionellen Meta-Daten und Micro-Payment. Fotomontage: Jens Mertens, Hintergrund: Berliner Morgenpost

Das verstehe ich unter einer 'Bezahlschranke', die den Namen auch wirklich verdient, denn ich weiß, was ich bekommen werde.

Leser-Blatt-Bindung für 30 Cent
Idealerweise bekomme ich am Ende des Artikels weitere Artikel zu diesem Thema aus dem Archiv angeboten nach dem gleichen Prinzip. So zahle ich vielleicht 30ct für sechs Texte aber bin bestens zu diesem von mir gewählten Thema informiert (übrigens von "meiner" Zeitung). Dadurch baue ich auch online eine intensive Leser-Blatt-Bindung auf, denn "meine" Zeitung hat mir diesen tollen Service angeboten. Dafür bezahle ich gerne. Und die Zeitung kann ihre redaktionelle Kompetenz darstellen.

Der Clou wäre der Footer unter dem Text: "Leser dieses  Artikels haben auch folgende Artikel  gelesen" - Das wird Paid Content nach amazon-Art (s. dazu auch Blogbeitrag hier) und die Kasse dürfte klingeln. Ehrlich gesagt ich hoffe, dass Jeff Bezos dieses Modell mit der Washington Post versucht. Wenn nicht der neue Google Newsstand/Kiosk (s. dazu auch Blogbeitrag hier) dem zuvor kommt - die werden's in jedem Fall tun, schon sehr bald...
(JM)

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Zeitungsgedanken by JM