Google Kiosk - Der Wolf im Schafspelz?

Google stürmt die letzte Bastion der Verlage, die Leser-Blatt-Bindung
Die Schlagzeilen zum neuesten Google-Coup spiegeln nur die halbe Wahrheit wieder:
News & Magazine an einem Platz: Google präsentiert den "Google Play Newsstand" (kress.de) - Google Kiosk: Verlage können Paid Content über neue App vertreiben (horizont.net) - Google startet neuen mobilen Medien-Kiosk (meedia.de)

Denn was Google unter dem Deckmäntelchen einer smarten Lese-App entwickelt  hat, dürfte vor allem den Zeitungshäusern sehr starke Kopfschmerzen bereiten.

Google Newsstand für Smartphones (Quelle: Google)
Google Newsstand für Smartphones (Quelle: Google)

Der Google Newsstand/Kiosk
Der soeben gestartete "Google Play Newsstand" (in Deutschland "Google Kiosk") wartet mit vielen sinnvollen Features auf und geht einen genialen Schritt mit der Integration von Paid-Content-Angeboten.

Neben der neuen App für mobile Endgeräte und einer erstmals gattungsübergreifenden Darstellung von redaktionell angebotenen Inhalten, egal ob Tageszeitung, Magazin, News-Portal oder Blog, stellt auch die Offline-Nutzung der geladenen Inhalte eine interessante und nutzerfreundliche Anwendungsmöglichkeit dar.
Denn das Nutzungsverhalten geht zunehmend in Richtung Konsum von Nachrichten und Magazin-Artikeln auf Smartphones oder Tablets - und zwar immer häufiger und länger. So kann sich der Newsstand/Kiosk-Nutzer aus diesen Medien seine eigene Nachrichten-Sammlung erstellen und sie lesen, wann und wo er will.

Google Newsstand für Tablets (Quellle: Google)
Google Newsstand für Tablets (Quellle: Google)

Integration von Paid-Content-Angeboten
Google bietet in seinem Newsstand rund 1.900 kostenlosen und kostenpflichtigen Quellen eine Plattform, in der sich die User mit ihren jeweiligen Online-Accounts bei ihren abonnierten Paid-Content-Titeln anmelden, aber auch direkt aus der App Abos mit anderen Medien abschließen können.
Auch in Deutschland steht Google in Kontakt mit den Verlagen, damit diese ihre kostenpflichtigen Angebote in den Google Kiosk einstellen und damit ihre Paid-Content-Angebote auch auf diesem Weg vertreiben können. In Zeiten rückläufiger Umsätze auf den klassischen Standbeinen Werbung und Vertrieb sicher ein reizvolles Thema.

Damit ist der Google Newsstand/Kiosk nicht nur ein Medien-Schaukasten, sondern macht den Namen zum Programm: Der Kiosk wird zur mobilen Verkaufs- und Vermarktungsplattform.

Am neuen Google-Angebot ist vor allem die Integration von Paid-Content bemerkenswert und stellt einen neuen Schritt in die Vermarktung und Monetarisierung von redaktionellen Inhalten dar. Vor allem die Zeitungsverlage sollten dabei tunlichst aufpassen, auf diesem Zug nicht nur als Trittbrettfahrer mitzufahren, sondern ihren Lesern auf jedem "Titel-Bahnhof" Lust zum Aussteigen und Verweilen zu machen.

Der Big-Data-Strike von Google - Das Lese- und Userverhalten
Denn der "Big Strike" von Google versteckt sich erst beim näheren Hinschauen: In der deutschen Fachpresse bislang unbemerkt bzw. unkommentiert plant Google beim Newsstand/Kiosk, sein riesiges Datenreservoir über User- und Leseverhalten dafür zu nutzen, dem Leser weitere Artikel gemäß seiner Präferenzen und Leseinteressen zu empfehlen.
So schreibt gigaom.com über den Newsstand, dass dieser umso besser wird, je mehr man darin liest. Diese elegante Kundenpflege könnte, so gigaom.com, eine der größten Stärken der neuen App sein. Denn über revenue-share-Verträge mit den Verlagen verdient Google sowohl an den Paid-Content-Umsätzen als auch an den darüber erzielten Werbeumsätzen mit.

Die letzte Bastion der Zeitungen fällt - Die Leser-Blatt-Bindung
Mit den Lese-Tipps bietet Google einen Service für seine Kiosk-Leser, der bei den Zeitungsverlagen seinesgleichen sucht.

Merke: Nicht die Zeitung vor Ort als Produzent originärer und exklusiver Inhalte bietet seinen Lesern einen Wegweiser durch die (eigene) Nachrichtenwelt und hält ihn mit gezielten thematischen Anregungen oder Inhalten aus dem eigenen Archiv auf der eigenen Seite und sorgt für einen "Such(t)effekt", sondern Google...
Die Leser(User)-Blatt-Bindung wird damit weiter geschwächt mit den bekannten Folgen für die Zeitungslandschaft.

Digitalerlöse steigen - für Google am stärksten
Wenn Google für seinen Newsstand/Kiosk ein Bezahlmodell für alle Paid-Content-Abos und Einzelartikel per Micropayment entwickelt, das nur von einem Userkonto abgebucht wird, wird die Bereitschaft, für Onlineinhalte zu bezahlen, mit Sicherheit steigen. Eine gute Entwicklung.
Dementsprechend werden dann jedoch - und das darf man sehr wohl annehmen - zunehmend und ausgesteuert Bezahl-Artikel empfohlen und über Revenue-Share ausgecasht. Ein simples Upselling mit Userdaten ohne Eigenleistung. Und den Zeitungshäusern gehen dadurch nicht nur Teile der steigenden Digitalerlöse verloren sondern zusätzlich noch die Kundendaten, um dem Einhalt zu gebieten.

Die Zeitungsverlage sollten endlich beginnen, die vorhandenen Userdaten und Metadaten ihrer Artikel für sich selbst zu nutzen und eine Leser-Blatt-Bindung auch Online aufzubauen, die den Leser nicht fremdgehen lässt. Der Google-Zug ist bereits losgefahren. Die "Zeitungs-Bahnhöfe" zum Aussteigen müssen schnellstens fertig werden.

So liest man im GoogleWatchBlog, dass Google einiges investieren wird, damit Google Newsstand/Kiosk schon bald zur ersten Anlaufstelle für News wird...


Jetzt wissen wir warum.
(JM)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
Zeitungsgedanken by JM