Von Quelle lernen: Zeitungs-Portale nach amazon-Art

Hat bei Ihnen auch der Klickfinger gejuckt als sie lasen, dass Jeff Bezos (Gründer von amazon) die Washington Post gekauft hat? Und Ihr erster Gedanke war: "Endlich Artikel-Shopping par excellance"? Dann sieht die Zukunft der Zeitungen doch rosiger aus, als gedacht. Und wenn Sie dazu noch mit einem Quelle-Katalog zuhause aufgewachsen sind, dann dürfte der Wunsch nach einem richtig guten Online-Auftritt Ihrer Zeitung geweckt sein.


Zum Status Quo der Online-Portale von Tageszeitungen (gerne würde ich ja von Rückblick schreiben...):
Die Onlinepräsentation von Themen und Artikeln, die das Interesse der Leser wecken sollen, ist bei den allermeisten Tageszeitungen unprofessionell. Layout, Leserführung, Themenauswahl und Werbeplätze above fold, fehlende Kommentar- und Share-Funktionen, unsinnige  Menüpunkte (kommt Ihnen bekannt vor?) - man muss das Blatt schon richtig mögen, um sich hierauf bereitwillig einzulassen, also überzeugter Print-Leser (gewesen) sein.


Bei diesen Schwachstellen ist es kein Wunder, dass die User-Bereitschaft dafür zu zahlen, derart gering ist. Verstärkt wird diese Tatsache, dass es genügend kostenfreie Alternativquellen gefühlt ähnlicher inhaltlicher Qualität gibt. So kolportieren es zumindest die Print-Pessimisten und Totholz-Verweigerer.

 

Raus aus dem Elfenbeinturm
Was in der aktuellen Diskussion über Journalismus, Online, Paid-Content etc. von Tagszeitungen nicht beachtet wird, ist das Verhalten und die Erwartungen des "wirklichen" Online-Zeitungslesers. Beinahe alle Argumente, Meinungen und Kommentare die hierzu im SPON-Forum und unter #tag2020 angeführt werden stammen überwiegend von höchst onlineaffinen Menschen, die, teils hauptberuflich, mit ihrem Bildschirm verwachsen zu sein scheinen, kaum aber mit Papier.


Hat jemand von denen mal die eigenen Eltern oder Großeltern (Achtung: Print-Zeitungsleser!) gefragt, was sie von den ganzen Vorschlägen und Kommentaren halten? Was diese sich von den Tageszeitungen wünschen würden? Ob die ihre Argumente und Vorschläge überhaupt verstehen? (Die Verlage fragen ihre Leser übrigens auch nicht ergebnisorientiert).
Diese Fragen müssen jedoch allerspätestens jetzt gestellt werden, denn bis die Online-Experten und Generation Y im "Zeitungseinstiegsalter" sind und für das Lesen auch noch zahlen sollen...wie ist es dann um die Zeitungslandschaft bestellt? Wieviele Klagen über unzeitgemäße und nervige Online-Aufritte der Zeitungen und alternative Quellen haben sie dann schon gehört und sich mit niedrigerer journalistischer Qualität abgefunden. Und dann sollen sie ein Zeitungs-Portal kostenpflichtig nutzen?

 
Welche Fragen stellt sich ein Online-Leser, der für Inhalte zahlen soll?

(Bitte beantworten Sie sich die Fragen selber anhand Ihres meistgenutzten Zeitungs-Portals)

- Welche inhaltliche Qualität hat der Artikel?

- Wie lang ist der Artikel?

- Welcher Länge entspricht der Artikel in der Print-Ausgabe?

- Ist der Artikel für Online gekürzt?

- Ist es eine Kurzmeldung oder originärer Inhalt?

- Ist es ein Kommentar, ein Bericht, eine Reportage, eine Nachricht, ein Essay?

- Ist es eine Agenturmeldung?

- Wer hat den Artikel geschrieben?

- Was hat der  Autor noch geschrieben?

- Hat der Autor die Kompetenz für den Artikel?

- Wieviele Bilder sind dabei, gar ein webvideo?

- ...


Ganz einfache Fragen also, deren Antworten die Wertigkeit eines Artikels aufzeigen und damit die Zahlungsbereitschaft überhaupt erst auslösen. Oder würden Sie ohne Kenntnis dessen einfach draufloszahlen? Die Katze im Sack kaufen?
Was für ein Ärger, wenn ich beim Metered-Zahlungsmodell meine "Freiartikel" mit Kurzmeldungen "verklickt" habe, die ich auch anderswo hätte unentgeltlich bekommen können. Oder mich im Freemium-Modell für Ranglisten, Fotostrecken und Klatschnachrichten sinnfrei verarmen soll. Das schafft Unzufriedenheit für das Pay-System und schlimmer noch: Unzufriedenheit für die Zeitung, die das so anbietet.

 

Die Wertigkeit des journalistischen Angebots
Der Leser muss also die Qualität der (Online-)Artikel zu schätzen wissen. Über Eigenmarketing der Redaktion, Empfehlungen, Textlänge, Textart, Kompetenzprofil des Redakteus, Verweise auf ältere Artikel etc. CMS-Systeme leisten das. Auch Blogger arbeiten so transparent und erfolgreich, wenn sie gut schreiben und recherchieren. Storytelling und Content-Marketing sind Begriffe aus dem Neuland, das wir bereits betreten haben. Redakteure und Journalisten sollten am Besten wissen, wie man Aufmerksamkeit schafft, Leser anfüttert, Themen am Laufen hält. Und sich die technischen Möglichkeiten nutzbar machen (wollen).


Nun hat Jeff Bezos mit dem Kauf der Washington Post einen sehr interessanten Aspekt aufgeworfen: Den Online-Auftritt einer Zeitung in der redaktionellen Funktionsweise von amazon. Ja. Richtig gelesen. Shopping!

 

Content-Shopping nach amazon-Art
Ich sehe einen Artikel mit Headline, Bild und Teaser-Snippet. Dazu einen Infokasten über Textlänge, redaktionellem Format (Reportage, Bericht, Kommentar u.a.), Datum, Bilder, Herkunft (Agentur oder Redakteur), eine Kurzinfo zum Autor, dessen bisheriger redaktioneller Arbeit usw. Und am Ende des Artikels finde ich neben der Kommmentarfunktion und den Social-Share-Buttons nach amazon-Machart angezeigt "Leser dieses Artikels haben auch diese und jene Artikel gelesen".

Und zu jeder Empfehlung mit Text/Bild-Snippet wieder den Infokasten. Im (strukturierten) Umfeld des Artikels gibt es weitere Lesetipps für mich: meistgelesen, meistkommentiert, Ressorts, Themen gemäß meiner bisherigen Lesepräferenzen, anverwandte Themen nach adsense-Funktionalität etc. Und das bei jedem Artikel!

 

Die Tageszeitung neu entdecken
Was mir MEINE Zeitung alles bieten kann, wird mir dadurch erst richtig bewusst. Artikel, die ich früher übersehen habe, stehen aus dem Archiv bereit zur inhaltlichen Vertiefung, andere werden als bereits gelesen (und bezahlt) markiert. Habe ich zuvor je die thematische Breite und Tiefe MEINER Zeitung erfasst? Brauche ich dann noch andere "billige" und teils schlecht gemachte Infoquellen, die mir das nicht bieten?

Dadurch entsteht eine Leser-Blatt-Bindung, die ihresgleichen sucht. Hier wird durch Kompetenz, thematische Vielfalt und Usability begeistert. Das schafft Vertrauen in Bezahlmodelle, das empfiehlt man gerne weiter, darüber erzählt man, das wird geliked und geteilt.

 

Die Kupfergeld-Kasse klingelt
Und dafür bezahlt man gerne auch die "lousy pennies" pro Artikel. Ein paar Cent per Micropayment (die "Bezahluhr" pro Session läuft oben mit). Das ist es allemal wert. Für zusammen vielleicht 20-30ct richtig in einem Thema zu sein? Und sich dann vom nächsten Thema begeistern lassen? Durch diese Funktionalitäten in Verbindung mit der Themenvielfalt und inhaltlichen Kompetenz der Zeitung kommt deutlich mehr Geld zusammen, als bei den derzeitigen Pay-Modellen. Lousy Pennies eben - nur eine Frage der Dimension. Der Kindle (Bezos/amazon)-Umsatz gerät dabei zur Nebensache.

 

Was Quelle falsch gemacht hat
Das ist der Online-Auftritt MEINER Zeitung von morgen. Wiederholen wir nicht den Fehler von Quelle, die es bis zum Schluss nicht vermocht haben, ihre Kundendaten aus Telefon- und Postkartenbestellung mit den Onlinekonten zu verknüpfen, geschweige denn Kaufdaten eines Produkts zu aggregieren und die Empfehlungsfunktionalität von amazon darzustellen.

 

Übrigens...

Bezos selbst sprach beim Kauf der Washington Post von ausprobieren.Warten wir es also ab.

Vielleicht hätte Springer mit dem Zeitungs-Verkauf besser noch warten sollen. Die Plug-and-Play-Truppe sollte das technisch umsetzen können. Und Kai Diekmann hat seine Medienrevolution. Obwohl das Artikel-Shopping mit der blauen und grünen Gruppe sicher sinnvoller wäre.

 

Wer fängt an? Ich bin sicher, es lohnt sich.

(JM)

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